Für GEO:
Milleniumrätsel

Für GEO: Milleniumrätsel

Aufgabe:
Löse zuerst die 24 Fragen des Jahrtausend-Rätsels. Damit kommst du zum Einstieg der Schatzkarte. Finde mit der Schatzkarte den Goldenen Globus, der irgendwo in Deutschland vergraben liegt.

Lösung:
Zwei Monate dauert die Jagd nach dem Goldenen Globus, dann trifft der Spaten auf die Schatzkiste – nahe der Wartburg bei Eisenach.

Herausforderung für den Rätselmacher:
GEO-Leser durch sachten Einstieg mitnehmen und zu Lösern machen. Zeitvorgabe „2-3 Monate“ treffen, da in der Heftplanung bereits festgeschrieben war, wann die Auflösung in GEO erscheint.

Herausforderung für Löser:
Den Einstieg zur Schatzkarte finden. Den Sprung von Hessen nach Thüringen wagen. Die Wartburg erklimmen. Die Schatzkarte richtig lesen.

16.02.99
Die Welt schrieb zu dieser Schatzsuche:

Schnitzeljagd für Schlaue

Der Guru denkt sich für Zeitungen und Magazine vertrackte Rätsel aus. Seine Anhänger forschen Tage und Nächte im Internet. Um es dem „Meister zu zeigen“. Um den Goldschatz zu finden.

Von Ulrich Clauss

Die Szene könnte aus einem Center für ausgefallenes Managementtraining stammen: Wildfremde Menschen stehen nach langer Anfahrt auf freiem Feld, halten Klappspaten in der Hand, taxieren einander. Wieviel weiß der andere? Sie gelangen zu einem Friedhof. Nach kurzer Beratung dann ein Händedruck über Grabsteinen – nur gemeinsam wird das Ziel zu erreichen sein: den Schatz zu finden. So hat es sich abgespielt im Jahr 1994 am Rande des Dörfchens Langenscheid an der Lahn, das der gleichnamige Verlag als Versteck eines Rätselpreises zur Bewerbung seines „Goldwörterbuchs“ erwählte. Natürlich mußte es ein Goldschatz sein, dessen Versteck aus einem Gestrüpp von Kettenfragen und anderen Logeleien geraten werden sollte. Ans Werk geht in solchen Fällen eine Gemeinde Zehntausender deutscher Rätselliebhaber, die wie auf Kommando gemeinsam die phantastische Zeitmenge von 1200 Lebensjahren für eine solche Rätselaktion aufbringen – so schätzen Brancheninsider. Beteiligte an der Lahn-Aktion schildern eine eigenartige Erregung, die sich in Variationen offenbar bei jeder ersten Begegnung wiederholt, die Menschen bei der Lösung von hochkomplexen Preisrätseln zusammenführt. Und das sind in diesen Wochen wieder einmal Tausende. „Aficionados“ – Befallene – nennt sie der Zeremonienmeister dieses Volksdenksports.

Dieser Meister heißt CUS und hat keinen bürgerlichen Namen, seine Faxe tragen keine Absenderkennung, am Telefon nur ein sympathisches „Na?“. Er hat sich wieder einmal ein Rätsel ausgedacht, sein schwierigstes bisher, ein Millennium-Rätsel, für das Monatsmagazin GEO aus Hamburg.“Eine gute Lösung ist diejenige, wenn der Löser – egal, ob er es selber löst oder die Auflösung nur liest – sich ans Hirn greift oder sich mit der Handfläche gegen den Kopf haut und sich denkt: Ach, da hätt‘ ich doch drauf kommen können.“ Der Rätselguru ist wohnhaft im Münchener Ortskennzahlenbereich und das Idol einer ganzen Szene, die sich an augenscheinlich simplen, in Wahrheit aber tückischen Fragen abarbeitet: In dieser virtuellen Teamlandschaft entsteht ein weitmaschiges Netz enger Beziehungen“, und Michael Janßen hat sie berechnet. Mit 240 000 Arbeitstagen veranschlagt der Rätselfreak und Unternehmensberater den Aufwand einer großen Rätselaktion, wie sie seit rund zehn Jahren von einer großen Münchener Tageszeitung pünktlich zu Beginn der bayerischen Sommerferien ins Feld geschickt wird. Das jetzt laufende Millennium-Rätsel sieht er bald gelöst, im Internet häufen sich in den E-Mail-Foren der Rätselgemeinde entsprechende Hinweise. Mit der flachen Hand vor den Kopf hat sich auch Kornelia Rolfes schon öfter geschlagen, gern auch in Gesellschaft. Begleitend zum genannten Sommerrätsel bietet sie seit Jahren einen VHS-Kursus an. Bibliotheksbenutzung, Kartenstudium, Internet-Recherche – ein Praxisseminar für zeitgenössische Kulturtechniken, das die Münchener TV-Aufnahmeleiterin in ihrer Freizeit abhält.

„Ohne die Zusammenarbeit wildfremder Menschen und intelligenten Medieneinsatz sind diese Rätsel kaum noch zu lösen.“

Aber Kornelia Rolfes hat ihre Anfänge noch nicht vergessen. „In der Stadtteilbibliothek bin ich den ersten Rätselkonkurrenten begegnet, man sieht sich das gegenseitig an.“Heute findet die Kontaktaufnahme im Netz statt oder am Arbeitsplatz. Permanenter Internet-Zugang und gelegentlicher Lehrlauf als Postdoktorandenstipendiat haben den 28jährigen Leipziger Martin Welk in den süßen, kühlen Rausch des Rätselns gebracht. Denn Welk ist und bleibt ganz Mathematiker. Für ihn und drei bis fünf seiner Kommilitonen, mit denen er gemeinsam rätselt, „ist die Deutsche Bibliothek in Leipzig natürlich ein Rätselstandortvorteil erster Güte“. Ohne das Internet geht offenbar kaum noch etwas. Als „größtes Lexikon der Welt“ erfüllt es außerdem noch die Funktion eines Mediums. Dutzende von elektronischen schwarzen Brettern, eingerichtet von den Rätselfans selbst, sorgen für einen kollektiven Lösungsstand, der erst kurz vor Einsendeschluß oder öffentlicher Auflösung des jeweiligen Rätsels Privatsache wird. Oft wollen noch nicht einmal die Sieger einsam sein. Der gemeinsame Erfolg gegen die Aufgabe ist der Kick. „Es Meister CUS zu zeigen“ ist ein oft geäußerter Wunsch, und im Fall des Erfolgs wird der Schatz – ein Goldklumpen im Wert von immerhin 50 000 Mark – eben zum Wanderpokal. „Ich unterhalte seit Jahren E-Mail-Bekanntschaften mit Rätselfreunden, die ich noch nie gesehen habe, zum Beispiel nach Florida“, so die Selbstbeobachung einer promovierenden Freiburger Volkswirtschaftlerin. Im Fall eines gemeinsamen Gewinns würde Karin Feist den Schatz auch virtuell teilen – wie das wohl aussähe? Telefonieren mit Aficionada Feist. Es ist spät, sehr spät. Es ist Mitternacht. Es ist die Zeit, in der Rätselfreunde ohnehin am liebsten telefonieren. Wie ihr Sonntag ausgesehen hat? Ungewöhnlich ruhig. Beinahe wäre sie 400 Kilometer mit dem Auto gefahren, weil sie beim Millennium-Rätseln so eine Ahnung beschlich. Ein 400 Kilometer entfernter Ort könnte bei Inaugenscheinnahme einen Lösungshinweis offenbaren. Aficionada Feist fragt – charmant im Ton, hart in der Sache -, ob mein Gespräch mit CUS irgendeinen noch so versteckten, vielleicht überhörten Hinweis auf das Schatzversteck enthalten haben könnte? Der Befrager wird zum Befragten. Er versucht sich tatsächlich einschlägig zu erinnern, nur kurz, dann findet er seine Rolle wieder. Aber einen kurzen Moment war er spürbar, dieser erregende Widerspruch: zusammenzugehören und zugleich schlauer sein zu müssen und zu wollen als der feindliche Rätselfreund. Wer das spürt, will, wenn schon nicht Schöpfer des Problems, dann wenigstens Teil seiner Lösung sein. Oder einfach nur Teil der Landschaft – der virtuellen Rätsellandschaft. Wenn es sein muß, auch mit einem Klappspaten in der Hand.

Wie funktioniert die Lösung der Schatzsuche? Hier die letzten Schritte zur Schatztruhe.

Was bis dahin geschah:
Vom Grab der heiligen Elisabeth in Marburg ging es zur Elisabethkirche von Eisenach in Thüringen. Von dort hinauf zur Wartburg hoch über Eisenach. Der weitere Weg:

  1. Schritt: Der Wolframspfad
    Wir folgen dem Handzeichen des Zauberers Trevreszent auf dem Bild mit dem roten Ritter Parzival und kommen damit zur vierten und letzten Reihe im blauen Kasten. Zwischen der schwarzen Linie 2592 und der blauen Linie 3592 liegen nur 55 Meter.
    Das Epos Parzival stammt von Wolfram von Eschenbach (ca.1170-1220), einer der Hauptpersonen im Sängerkrieg auf der Wartburg. Womöglich lauschte damals auch Elisabeth den versammelten Sängern.
    Magier Trevreszents Hand weist links hinauf zu “Isegrims Schaum”. Die alte Bezeichnung für Wolfram lautet Spuma lupi oder Schaum des Wolfes, was wir etwas freier übersetzt haben. Folgen wir also links (östlich) der Blidenstatt dem Pfad steil hinauf Richtung Süden. Nach wenigen Schritten haben wir die Höhe erreicht. Eine Hochplateau tut sich auf, ein lichter Eichenhain darauf. Von diesem Hügel aus belagerte man einst die Wartburg.
  2. Schritt: Basislinie aufspüren
    Für die letzten Meter zum Schatz gibt der karierte Zettel rechts oben den Weg vor: “ca. (Lima) cm”, also etwa 8,76 Meter vom Wanderpfad, erhebt sich eine mächtige Eiche neben einem großen Loch im Boden mit mehreren Metern Durchmesser. Diese Eiche entspricht dem Kreis mit Eichenblatt unten auf dem Zettel.
    Von hier 11,25 Meter (Lagos + Delhi usw.) zu einer kleineren Eiche, die sich kurz über dem Boden in zwei Stämme spaltet (auf dem Zettel durch zwei kleine Kreise im größeren Kreis dargestellt).
    Auf ca. einem Drittel der Strecke (3,72 m von der großen Eiche) befindet sich der Peilstandort am Schnittpunkt der beiden schwarzen Linien.
    Diese Basislinie mußte eine Horizontpeilung ermöglichen und damit freien Blick in Richtung Sonnenuntergang gewähren. Damit fielen ein Großteil der Bäume auf dem Plateau bereits aus.
  3. Schritt: Sonnenpeilung
    Es tritt der blaue Zettel links unten auf den Plan: Zu bestimmen ist der Schnittpunkt der Sonnenbahn mit dem sichtbaren Horizont und zwar zur Tag- und Nachtgleiche am 23. September oder 21. März. Die angegebene Zahl entspricht dem Mittag des 23. September 1998 nach dem sogenannten Julianischen Datum, einer fortlaufenden Tageszählung, die Astronomen verwenden.
    Zur Tag- und Nachtgleiche geht die Sonne genau im Westen unter. Das stimmt für den idealen Horizont – nur wann hat man den schon in der freien Natur und schon gar nicht hier im Bergland. Wollte man nicht bis März auf den Sonnenuntergang warten, blieb eine Mischung aus Berechnung und Schätzung. Die Sonne geht zu Frühlingsbeginn hinter einem der zumindest scheinbar höchsten Bäume am sichtbaren Horizont unter.
    Übrigens: Das Julianische Datum entspricht dem kalendarischen Beginn des Herbstes, der offizielle Erstverkaufstag des Millennium-Heftes dem Beginn des Winters, der Einsendeschluß für die Rätselfragen dem Beginn des Frühlings.
  4. Schritt: Noch 2037 Zentimeter
    War der Baum am sichtbaren Horizont angepeilt, bestimmte die Richtung des Schattenwurfs des Beobachters die Richtung zum Schatz. Auf dem karierten Zettel ging es also in Richtung des Pfeils.
    Die noch zurückzulegende Distanz entnehme man dem blauen Streifen (Soviel KILO WIEG ICH …) direkt darunter:
    470 cm + Σ1 + Σ2/7 = 2037 cm (gerundet) oder 20,37 Meter.
    Voilá, dort lag die Schatztruhe.